Psychotherapeutische Praxis für Kinder, Jugendliche und Erwachsene

Medizinische Themen

Hier finden Sie Informationen zu ausgewählten Themen - von ADHS bis Zwangsstörungen. Auch diese Seite soll in Zukunft weiter vervollständigt werden.

ADS/ ADHS

Unter ADS/ ADHS wird das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom/ Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom verstanden (auch: HKS). Bereits im Kindergartenalter fallen die Betroffenen – überwiegend Jungen – durch Impulsivität, Konzentrationsprobleme und teilweise übermäßigen Bewegungsdrang (Hyperaktivität) auf. In der Schule machen die Kinder viele Flüchtigkeitsfehler, sind leicht ablenkbar, scheinen nicht zuzuhören und haben große Probleme damit, ihre Aufgaben zu organisieren. Bei vielen Kindern überwiegt die motorische Unruhe, andere wiederum fallen als „Träumer“ auf. Allen gemeinsam ist, dass es ihnen nicht gelingt, ihre (Dauer-) Aufmerksamkeit der Situation angemessen zu steuern. Schätzungen zufolge leiden zwischen 3 und 7 Prozent der Schulkinder unter dieser Störung. Die Problematik hält oftmals - teilweise mit veränderten Symptomen - bis ins Erwachsenenalter an; schätzungsweise sind etwa 4 % der Erwachsenen betroffen. Als Ursachen des AD/H/S wird heute ein Ungleichgewicht verschiedener Botenstoffe im Gehirn angenommen. Soziale, erzieherische und schulische Faktoren tragen jedoch zur je spezifischen Ausprägung oder auch zur Entwicklung günstiger oder ungünstiger Bewältigungsfaktoren bei. Diagnostik und Therapie: Die Diagnostik des AD/H/S umfasst medizinische und psychotherapeutische Untersuchungen. Hier werden mit Hilfe von Fragebögen und Verhaltensbeobachtung systematisch die Symptome – auch im lebensgeschichtlichen Verlauf – erfasst, Tests zur Intelligenz-/ Schulleistungs- und Konzentrationsmessung durchgeführt sowie differentialdiagnostisch nach anderen möglichen Ursachen der auftretenden Probleme gesucht. Kann die Erkrankung bestätigt werden, so bieten sich medikamentöse und psychotherapeutische Behandlungsmöglichkeiten an. Die medikamentöse Behandlung (in der Regel mit Psychostimulantien) erfolgt vor allem bei deutlich ausgeprägter Symptomatik. Spezielle psychotherapeutische Behandlungsverfahren sind insbesondere von der Verhaltenstherapie entwickelt worden. Dabei handelt es sich um eine mulimodale Behandlung unter Einbezug von Eltern-Kind-Programmen, Interventionen in Kindergarten und Schule, der Durchführung von Selbstinstruktions-/ Selbstmanagement-Trainings und Aufmerksamkeitstrainings mit dem Kind. Eine kleine Auswahl der mittlerweile sehr umfangreichen Literatur: Cordula Neuhaus: Hyperaktive Jugendliche und ihre Probleme. Urania/Ravensburger - Paul Wender: Aufmerksamkeits- und Aktivitätsstörungen bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Kohlhammer - Russel A. Barkley: Das große ADHS Handbuch für Eltern H. Huber-Verlag, Göttingen - Döpfner, M., Schürmann. S. & Lehmkuhl, G. (2000). Wackelpeter und Trotzkopf. Hilfen für Eltern bei hyperkinetischem und oppositionellem Verhalten. Weinheim: Psychologie Verlags Union.

Ängste

Bis zu 10 % der Bundesbürger leiden unter Ängsten; Kinder und Jugendliche ebenso wie Erwachsene. An sich sind Ängste durchaus normale Reaktionen auf gefährliche Situationen. Sie mobilisieren den Körper und bereiten uns darauf vor, die anstehende Situation anpackend zu bewältigen („Angriff“) oder schnellstmöglich zu verlassen („Flucht“). Nun kommt es aber vor, dass Menschen Ängste erleben, ohne sich in realer Gefahr zu befinden. Ihr Alarmsystem springt bereits bei harmlosen Hinweisen an. Möglicherweise reicht schon der Gedanke an eine vermeintlich gefahrvolle Situation aus, um eine ausgeprägte Angst zu entwickeln. Die Angst kann auf konkrete Auslöser bezogen sein. Dabei handelt es sich im wesentlichen um phobische Störungen oder soziale Phobien. Bei phobischen Störungen leidet der Betroffene unter Ängsten in speziellen Situationen oder gegenüber speziellen Personen und Umständen. Beispiele sind übertriebene Ängste beim Arzt oder Zahnarzt, vor Krankheiten, in Höhen, gegenüber bestimmten Tieren, beim Autofahren u.a. PatientInnen mit sozialer Phobie fürchten Situationen im Beisein Anderer, die ihr Verhalten und ihre Person bewerten und ggf. ablehnen könnten. Darüber hinaus gibt es Ängste, die nicht auf bestimmte Situationen und Umgebungsfaktoren gerichtet sind, wie Panikstörungen und die generalisierte Angststörung. Panikstörungen zeichnen sich durch ein plötzliches und wiederholtes Auftreten massiver Angst/ Panik aus. Der Beginn ist nicht vorhersehbar, die Dauer kann von wenigen Minuten bis zu mehreren Stunden reichen. Die generalisierte Angststörung ist eine andauernde Angst, die sich auf keine konkrete Befürchtung konzentriert, sondern etwa als allgemeine Sorge um mögliche künftige Gefahren auftritt. Angsterkrankungen zeigen sich sowohl auf der emotionalen Ebene wie auf der kognitiv-gedanklichen (sorgenvolle Gedanken, Katastrophenbefürchtungen etc.), auf der physiologisch-körperlichen (Anspannung, Nervosität, Konzentrationsstörungen, Schwitzen etc.) und auf der motorischen Handlungsebene. Der Betroffene geht den angstauslösenden Situationen möglichst aus dem Weg und meidet sie in Zukunft. Dieser verständliche Versuch einer Bewältigung führt auf Dauer dazu, dass man nicht die Erfahrung machen kann, dass die belastende Situation ungefährlich ist. Durch das Fehlen dieser Erfahrung wiederum wird die Angststörung aufrechterhalten. Ursachen: Die Ursachen einer Angststörung können im Einzelfall sehr unterschiedlich sein. Oftmals spielen körperliche Voraussetzungen eine Rolle; das autonome Nervensystem, das Vorgänge wie Atmung und Herztätigkeit regelt, regiert bei Angstpatienten oftmals sehr sensibel. Kindliche Erfahrungen können zudem das Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten (und somit auch in die Bewältigung angstbesetzter Herausforderungen) fördern oder hemmen. Im Besonderen folgt diesen eher allgemeinen Voraussetzungen oft eine „erlernte Angst“. So kann das gleichzeitige Auftreten eines harmlosen Reizes (Zahnarzt) mit einer unangenehmen Körperreaktion (Schmerzen) zur Angst führen, die künftig immer auftritt, wenn der zuvor harmlose Reiz erscheint (grundsätzliche Angst bei jedem Zahnarztbesuch). Zudem führt die besondere Beachtung der körperlichen Symptome zu angstverstärkenden Gedanken und somit zum Ansteigen der Angst. Schließlich verhindert die Vermeidung neue Erfahrungen und stabilisiert - wie schon erwähnt-die Angst. Diagnose und Therapie: Neben der allgemeinen Diagnostik, in der sich der Therapeut ein grundlegendes Bild von der Situation des Patienten macht, und nach einer konsiliarärztlichen Abklärung möglicher körperlicher Ursachen und Zusammenhänge, wird in der speziellen Diagnostik die individuelle Symptomatik der Angststörung erfasst. Hierauf baut der Behandlungsplan auf. So ist es etwa möglich, der Angst auf jeder der drei Ebenen Physiologie/ Gedanken/ Verhalten zu begegnen. Auf der physiologisch/ körperlichen Ebene kann der Betroffene ein Entspannungsverfahren erlernen, mit Hilfe dessen er die beunruhigenden körperlichen Angstsymptome bewältigt. Die unrealistischen und angstauslösenden Gedanken können kognitiv-verhaltentherapeutisch hinterfragt und verändert werden. Eine Veränderung des (motorischen) Verhaltens ist schließlich durch konkrete Übungen möglich, die ggf. durch Imaginationsübungen gedanklich vorbereitet werden. Literatur (Auswahl): Ängste verstehen und überwinden, Doris Wolf, PAL-Verlag; Angstfrei leben von Lucia Bassett, Beltz; Wenn plötzlich die Angst kommt, Roger Baker, RBTaschenbuch; Angst bewältigen von Sigrun Schmidt-Traub, Springer Verlag; Frei von Angst und Panik von Ines von Witzleben und Aljoscha A. Schwarz, GU-Verlag; So überwinden Sie Prüfungsängste von Doris Wolf und Rolf Merkle, PAL-Verlag

Anorexia nervosa (Magersucht)

Etwa 1 Prozent aller Frauen erkranken irgendwann in ihrem Leben einmal an einer Magersucht. Das sind etwa 100.000 Frauen zwischen 15 und 25 jährlich. Männer sind zwar insgesamt deutlich seltener, aber doch mit zunehmender Tendenz ebenfalls betroffen. Die meisten Patienten sind Jugendliche. Magersüchtige PatientInnen leiden unter der Vorstellung zu dick zu sein - auch dann noch, wenn sie bereits Untergewicht haben. Das Gewicht wird durch unterschiedliche Maßnahmen reduziert. Dabei werden stets hochkalorische Nahrungsmittel gemieden. Zudem kann es zu übermäßigen sportlichen Aktivitäten, selbst herbeigeführtem Erbrechen und/ oder Abführen oder den Missbrauch von Appetitzüglern oder Diuretika kommen. Neben der Verringerung des ursprünglichen Gewichts kann auch eine Folge sein, dass Jugendliche nicht das ihrem Alter und ihrer Entwicklung entsprechende Gewicht erreichen und dass die pubertäre Entwicklung gehemmt ist. Das Gewicht Magersüchtiger liegt – gemessen am Body-Maß-Index/ BMI – bei unter 17,5 bzw. um mindestens 15 % unter dem zu erwartenden Gewicht. Die Ursachen der Magersucht sind individuell sehr unterschiedlich. Es können vor dem Hintergrund eines medienpropagierten Schlankheitsideals – um nur einige Beispiele zu nennen - ebenso ein geringes Selbstbewusstsein wie auch familiäre Konflikte, der Wunsch den eigenen Körper zu kontrollieren oder Ängste vor dem Erwachsenwerden eine Rolle spielen. Diagnose und Therapie: Eine medizinische Abklärung der körperlichen Symptome ist in jedem Fall notwendig. Psychotherapeutischerseits wird die Symptomatik im Gespräch mit dem/der PatientIn und den Familienangehörigen und über den Einsatz von Fragebögen, strukturierten Interviews und Testdiagnostik erhoben und zugleich erfasst, ob weitere psychische Probleme vorliegen. Die Therapie muss bei einer lebensbedrohlichen Gewichtsabnahme stationär - ggf. in einer auf diese Erkrankung spezialisierten Klinik - erfolgen. In der ambulanten Verhaltenstherapie stehen sowohl die Entwicklung eines gesunden Essverhaltens und der Aufbau eines angemessenen Gewichts wie auch die Fehlbewertungen des eigenen Körpers und die Entwicklung des Selbstbewusstseins im Mittelpunkt. Je nach persönlicher Situation sind auch die Selbstständigkeitsentwicklung der/des Jugendlichen, die Durchsetzungsfähigkeit in sozialen Situationen oder die Entwicklung von Genussfähigkeit wichtige Themen der Therapie. Schließlich kann er Einbezug von Ernährungsberatung ein weiteres Element sein. Literatur (Auswahl): Marya Hornbacher: Alice im Hungerland. Leben mit Bulimie und Magersucht. Gebundene Ausgabe - 340 Seiten Campus Vlg.; ISBN: 3593361620 - Bärbel Wardetzki: Iss doch endlich mal normal. Hilfen für Angehörige von eßgestörten Mädchen und Frauen. Taschenbuch - 244 Seiten (1996) Kösel, Mchn.; ISBN: 3466304067 - Claire Beeken, Rosanna Greenstreet: Mein Körper, mein Feind. Taschenbuch - 239 Seiten (1998) Lübbe, Berg.-Gladb.; ISBN: 3404614224 - Susie Orbach: Magersucht. Ursachen und neue Wege der Heilung. Taschenbuch - 272 Seiten (1997) Econ TB Vlg., München; ISBN: 361220596X

Bulimie

Ebenso wie für Magersüchtige sind auch für bulimische PatientInnen Essen und Gewicht zentrale Themen. Auch sie streben danach, eine extrem schlanke Figur zu erlangen bzw. zu halten. Im Gegensatz zu PatientInnen mit Anorexia Nervosa ist das Gewicht jedoch in der Regel nicht außergewöhnlich niedrig. Im Gegenteil, Bulimikerinnen, deren Anteil an der Gesamtbevölkerung vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie auf 8 % geschätzt wird, sind meistens normalgewichtig. In Einzelfällen kann es aber ebenso zu Abweichungen nach oben wie nach unten kommen. Die Betroffenen versuchen dadurch ihr Gewicht zu halten, dass sie die nach einer Heißhungerattacke eingenommene Mahlzeiten wieder erbrechen. In der Folge stellt sich meistens ein ausgeprägtes Schuld- und Schamgefühl ein. Da die Betroffenen nicht zunehmen wollen, versuchen sie, möglichst lange Zeit ohne bzw. mit wenig Nahrung auszukommen. Das steigert physiologisch bedingt aber nur den Heißhunger und fördert so das Auftreten von Heißhunger-Attacken. Dieser Teufelskreis gewinnt oft dadurch an Dynamik, dass für Viele das Essen zugleich Stress und allgemeine Belastungen reduziert und so einem suchtähnlichen Drang folgt. Als körperliche Folgen der Bulimie stellen sich u.a. Zahnschäden durch die erbrochene Magensäure, Herzrhythmusstörungen und das Ausbleiben der Monatsregel ein. Psychosoziale Folgen sind neben Konzentrationsschwächen, Stimmungsschwankungen, Unsicherheit und soziale Isolation häufig kriminelle Delikte, mit denen die Nahrungsmittel für die ausgeprägten und andauernden Heißhungerattacken finanziert werden. Ursachen: Die Ursachen der Bulimie sind denen der Magersucht ähnlich. Übergänge zwischen diesen beiden Erkrankungen sind im übrigen nicht selten. Ein zentraler Verursachungsaspekt der Bulimie liegt in der extremen Furcht zuzunehmen bei einem medial vermittelten, unrealistischen Schlankheitsideal. Diagnose und Therapie: Auch die Diagnostik ähnelt dem Vorgehen, wie es bei der Beschreibung der Magersucht geschildert wurde. Wichtig ist es, nach der diagnostischen Erfassung der Symptomatik deren Funktionalität zu verstehen und in der Behandlung zu berücksichtigen. So kann die Therapie je nach persönlicher Situation darin bestehen, dass die Betroffenen lernen, wie sie mit den eigenen Gefühlen angemessen umgehen, wie sie Selbstständigkeit, Autonomie und Genussfähigkeit entwickeln sowie Probleme und Konflikte konstruktiv lösen können. In jedem Fall wird es auf rein symptomatischer Ebene wichtig sein, auslösende und eine Heißhungerattacke begleitende Faktoren zu kontrollieren und - ggf. unter Beteiligung einer Ernährungsberatung – einen Ernährungsplan zu erstellen und einzuhalten. Literatur (auch hier nur eine kleine Auswahl): Ulrike Schmidt, Janet Treasure, Die Bulimie besiegen. Ein Selbsthilfe-Programm, Beltz Fachbuch - Peggy Claude-Pierre, Der Weg zurück ins Leben. Magersucht und Bulimie verstehen und heilen, Fischer-TB - Gail F. Huon, Lawrence B. Brown, Bulimie. Neue Wege zur Heilung, ein Selbsthilfeprogramm,Heyne - Marya Hornbacher, Alice im Hungerland. Leben mit Bulimie und Magersucht, Ullstein TB - Karen Wise, Wenn Essen zum Zwang wird. Wege aus der Bulimie, PAL Vlg., Mannheim - Monika Gerlinghoff, Herbert Backmund, Norbert Mai, Magersucht und Bulimie. Verstehen und bewältigen, Beltz Fachbuch.

Depression

Depressionen zählen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Schätzungen zufolge sind aktuell etwa 4 Millionen Menschen jeder Altersstufe in Deutschland von Depression betroffen, deutlich mehr Frauen als Männer. Menschen mit Depressionen leiden unter einer pessimistischen Grundhaltung, Freudlosigkeit, Grübeln, Hoffnungslosigkeit und Konzentrationsproblemen. Vielfach wird eine innere Leere empfunden. Auch Suicidgedanken (Selbstmordgedanken) sind häufig. Die Hälfte der an Depression Erkrankten begeht irgendwann einmal einen Suicidversuch, ca. 15 % sterben durch Suicid. Die Betroffnen ziehen sich meistens zurück. Soziale Kontakte werden nicht mehr gepflegt, die Bewältigung von Arbeitsanforderungen ist oft nicht mehr möglich. Hinzu kommen vielfältige körperliche Beschwerden, Appetitlosigkeit oder Schlafstörungen (insbesondere Durchschlafstörungen). Auch Kinder und Jugendliche erkranken an Depressionen. Bei Kindern zeigt sich dies durch Weinen, Rückzug, Lustlosigkeit im Spiel und negative Selbstbeschreibung. Jungen treten oftmals auch besonders aggressiv auf. Bei Jugendlichen ist die Rate der depressionsbedingten Suicidversuche so hoch wie in keiner anderen Altersgruppe. Es gibt verschiedene Formen von Depressionen: die unipolare Depression, die in meistens wiederkehrenden Phasen von mehreren Wochen bis Monate verläuft - die bipolare Depression, die sich in ihrem Verlauf mit manischen Phasen abwechselt, innerhalb derer die Patientin/ der Patient ein ständiges Hochgefühl und einen gesteigerten Tatendrang erlebt - die Dysthymia, die in der Regel weniger stark ausgeprägt ist, jedoch einen chronischen Verlauf zeigt. Zudem zeigt sich bei vielen Menschen in den trüberen Herbst- und Wintermonaten die saisonal bedingte Depression, deren Ausprägung entscheidend von witterungsbedingten Faktoren wie Lichtmangel abhängt. Die Ursachen von Depressionen sind komplex. Neben genetischen Aspekten spielt vor allem die (frühe) Lernerfahrung der Betroffenen eine große Rolle. Hierbei kann es sich etwa um eine überbehütende Erziehung handeln, bei der das Kind zu selten die Erfahrung macht, anstehende Aufgaben bewältigen zu können. Es erlebt nicht, dass es auf die Umgebung oder auf das eigene Wohlbefinden Einfluss hat, es entwickelt sich eine „erlernte Hilflosigkeit“. Ein weitere Faktor in der Entstehung mögen Vorbilder (Modelle) sein. So zeigen Kinder von pessimistischen, ängstlichen und antriebsarmen Eltern häufig ebenso depressive Symptome. Diagnose und Therapie: In der Diagnose ist es wichtig, neben der konkreten Symptome auch die allgemeine Lebensgeschichte zu erfassen, um die Entstehung und die Aufrechterhaltung der Depression angemessen zu verstehen. Über spezielle Testverfahren können zudem Einschätzungen der Ausprägung und Intensität gewonnen werden; deren wiederholter Einsatz über den Therapieverlauf hinweg erlaubt es auch, Veränderungen zu beurteilen. Zentrale Aspekte der psychotherapeutischen Behandlung liegen in einem stufenweisen Aufbau von (angenehmen) Aktivitäten, der Förderung der Genussfähigkeit, dem Erarbeiten depressionsförderlicher typischer Gedanken sowie deren Veränderung und dem Aufbau sozialer Kontakte. Gerade auf viele depressive PatientInnen wirken diese Schritte zu Beginn selbst dann bedrohlich, wenn sie auf angenehme Aktivitäten oder das Erleben positiver Gefühle gerichtet sind. Daher wird das schrittweise Vorgehen schon zu Therapiebeginn gemeinsam mit der/ dem PatientIn abgestimmt. In die Behandlung jüngerer Patienten werden auch die Eltern einbezogen. Neben der Psychotherapie – und oft parallel zu ihr - gibt es die Möglichkeit der medikamentösen Behandlung oder der Lichttherapie (vor allem bei saisonal bedingter Depression). Weitere Ansätze wie die Schlafentzugstherapie finden überwiegend im Rahmen einer stationären Behandlung Anwendung. Es ist wichtig darauf hinzuweisen, dass dem enormen persönlichen Leiden der Betroffenen eine ausgesprochen günstige medizinische und psychotherapeutischen Therapieprognose gegenübersteht. Depressionen zählen heute zu den am besten behandelbaren Erkrankungen. Literatur/ CDs – eine Auswahl: „Depressionen überwinden“ von Günter Niklewski, u. a. Stiftung Warentest; „Nie mehr deprimiert“ von Rolf Merkle Moderne Verlagsges. Mvg (Juli 2004); „Depression als Lebenschance“ von Frederic F. Flach Rowohlt Tb. (Dezember 2000); „Wo blleibe ich? Leben mit depressiven menschen. Ein Leitfaden für Angehörige.“ von Dorothea Blum, Matthias Dauenhauer Dvg (2004); „Depressionen bewältigen, die Lebensfreude wiederfinden“ von Ulrich Hegerl, Svenja Niescken Trias (Juni 2004); „Wege aus der depression“ von Klaus Kaufmann-Mall, u. a. Beltz (Februar 2003); „Wenn das leben zur Last wird“ von Rolf Merkle Pal (Dezember 2004); „Lebensmut statt Depression – Tiefensuggestion“ von Arnd Stein, CD+Broschüre (Komponist) Vtm-Dr.Ste (BOGNER RECORDS) (15. Oktober 1997) Audio CD

Enuresis/ Enkopresis

Unter Enuresis (Einnässen) versteht man den nicht organisch bedingten unwillkürlichen Urinabgang bei über 5-Jährigen, deren körperlich-geistige Entwicklung im übrigen altersgemäß ist. Dieselbe Symptomatik bezeichnet man bei Vorliegen organischer Ursachen als Inkontinenz. Enuresis nocturna meint das nächtliche Bettnässen und Enuresis diurna das Einnässen am Tage. Von primärer Enuresis ist die Rede, wenn das Kind seit Geburt einnässt und noch nie länger als sechs Monate trocken war. Beginnt das Kind zu einem späteren Zeitpunkt einzunässen, so wird von sekundärer Enuresis gesprochen. Schließlich unterscheiden wir permanentes und sporadisches (also gelegentliches) Einnässen. Auftretenshäufigkeit Schätzungen zufolge nässen etwa 10% der Schulänfänger noch nachts ein. In den folgenden Lebensjahren werden jeweils 10 -15% der einnässenden Kinder trocken. Einnässen bei Tage ist seltener als nächtliches Einnässen, Jungen sind insgesamt häufiger betroffen als Mädchen. Ursachen: Neben organisch bedingten Störungen der Blasenkontrolle, die zu einer Inkontinenz führen können (etwa Abflussbehinderungen an den unteren Harnwegen, Harnwegsinfektionen oder Fehlentwicklungen an den oberen Harnwegen) werden das Einnässen, also die eigentliche Enuresis, in der Regel betrachtet als nicht angemessenes Sauberkeitsverhalten, d.h. als Folge des Nichterlernens oder des Wiederverlernens von Sauberkeitsverhalten oder als Folge eines zugrunde liegenden seelischen Konflikts. So lässt sich - vereinfacht - ein lernpsychologischer Enuretiker-Typ, bei dem Störungen im Verlauf der Sauberkeitserziehung verursachend wirken, und ein psychodynamischer Enuretiker-Typ, bei dem Konflikte wie Schulprobleme, familiäre Spannungen oder traumatische Erfahrungen eine Rolle spielen, unterscheiden. Vor Beginn einer psychotherapeutischen Behandlung ist es daher wichtig, einerseits organische Ursachen durch eine fachärztliche Untersuchung auszuschließen und andererseits die Vorgeschichte des Einnässens genau zu betrachten. Ebenso wichtig ist es herauszufinden, warum das Kind heute noch einnässt - denn sehr häufig sagt die Ursache noch nichts darüber aus, warum sich an dem einnässenden Verhalten im Verlaufe der Zeit nichts geändert hat. Die Entwicklung des Sauberkeitsverhaltens: Bei der Betrachtung der Ursachen sollten man sich verdeutlichen, wie komplex die Entwicklung des Sauberkeitsverhaltens ist. Während der Säugling die Blase noch automatisch entleert, beginnt mit dem zweiten Lebensjahr ein komplexerer Reifungsvorgang neuraler, psychophysiologischer und motorischer Funktionen, der erst mit dem sechsten Lebensjahr endgültig abgeschlossen ist; und dies auch nur, wenn sich das Kind ansonsten körperlich und geistig altersentsprechend entwickelt. Dieser Reifungsprozess kann zwar durch erzieherische Maßnahmen unterstützt, nicht jedoch beschleunigt werden. Wichtig ist, dass erst im zweiten Lebensjahr die körperlichen Voraussetzungen für eine erfolgreiche Tageskontrolle der Blase gegeben sind dass erst im dritten und vierten Lebensjahr die körperlichen Bedingungen für eine vollständige Blasenkontrolle vorliegen. Erst mit sechs Jahren kann die Blase willentlich entleert werden. Eine inkonsequente Sauberkeitserziehung kann ebenso zum Einnässen führen wie eine zu frühe und eine zu sehr fordernde Sauberkeitserziehung. Daher ist es wichtig, Kindern zu gegebener Zeit Anregungen zu geben. Man sollte aber nicht zu viel von ihnen erwarten und sie nicht mit Druck und Strafandrohung zur Sauberkeit erziehen wollen. Die Behandlung des Einnässens: Die Behandlung des einnässenden Kindes beinhaltet unter anderem folgende Elemente: Den Kindern wird spielerisch Wissen vermittelt über die körperlichen Vorgänge bei der Blasenfüllung und -entleerung. In einem Unterbrecher- und in einem Einhaltetraining lernen die Kinder einerseits ihre Blase als kontrollierbares Organ kennen, andererseits dienen diese Trainings der Kapazitätssteigerung der Blase. Die Kinder übernehmen - soweit sie altersbedingt dazu in der Lage sind - die eigene Verantwortung für das Einnässen (z.B. Bettwäsche selbst wechseln). Die Kinder führen schließlich Protokoll. Auch hypnotherapeutische Elemente und Entspannungsübungen können den Betroffenen Hilfen bieten. Sie sollten u.a. durch Körperwahrnehmungsübungen ein bewusstes Gefühl für den eigenen Körper entwickeln. Schließlich sollten auch das Freizeitverhalten der Kinder und gemeinsame familiäre Aktivitäten besprochen werden. Unter Umständen mag es aber auch sinnvoller sein, das Einnässen nicht direkt zu behandeln, sondern dem Kind spiel- oder maltherapeutische Ausdrucksmöglichkeiten zu bieten. In jedem Fall ist die aktive Bereitschaft des Kindes und die der Eltern von großer Bedeutung für den Therapieerfolg. Das Einkoten (Enkopresis): Schätzungen zufolge leiden ein bis zwei Prozent der Kinder in den Schulklassen eins bis drei unter Enkopresis; Jungen drei bis vier mal häufiger als Mädchen. Die zuvor genannten Unterscheidungen der Auftretensarten von Enuresis (primär- sekundär etc.) und die besprochenen Ursachen (psychodynamisch und lerntheoretisch) gelten auch für das Einkoten - mit der Einschränkung, das beim Einkoten organische Ursachen häufiger eine Rolle spielen als beim Einnässen. Auch in diesem Fall ist die Sauberkeitsentwicklung sehr komplex. Die zuverlässige Stuhlentleerung gelingt den meisten Kindern im Verlaufe ihres dritten Lebensjahres. Von einigen Besonderheiten abgesehen, stehen für diese Kinder prinzipiell auch dieselben Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung wie für die einnässenden Kinder. Literatur: Ratgeber Einnässen Informationen für Betroffene, Eltern, Lehrer und Erzieher von Alexander von Gontard, Gerd Lehmkuhl Hogrefe-Verlag - Einnässen im Kindesalter. Erscheinungsformen - Diagnostik - Therapie. von Alexander von Gontard Thieme - Enuresis. Diagnose, Beratung und Behandlung bei kindlichem Einnässen. von Gabriele Haug-Schnabel, Gabriele Haug- Schnabel Reinhardt, München - Einnässen, ein Hilferuf. von Gabriele Haug-Schnabel, Gabriele Haug- Schnabel Ravensburger Buchverlag

Störungen des Sozialverhaltens

Unter Störungen des Sozialverhaltens werden Verhaltensauffälligkeiten verstanden, bei denen soziale Regeln nicht anerkannt bzw. nicht eingehalten werden. Die Betroffenen zeigen sich oft aggressiv, haben Wutausbrüchen oder streiten häufig. Sie verhalten sich destruktiv, lügen, stehlen, verweigern den Schulbesuch oder bleiben von Hause weg. Die Weltgesundheitsorganisation WHO unterscheidet in ihrem Klassifikationssystem ICD-10 verschiedene Formen: etwa Störungen des Sozialverhaltens mit fehlenden bzw. mit vorhandenen sozialen Bindung, auf den familiären Rahmen beschränkte Störung des Sozialverhaltens oder eine solche mit oppositionellem, aufsässigem Verhalten. Zudem gibt es eine Variante, die in Verbindung mit ADS/ADHS auftritt (Hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens). In einigen Fällen entwickeln sich aus Störungen des Sozialverhaltens bis zum Erwachsenenalter dissoziale Persönlichkeitsstörungen. Kinder müssen erst im Verlaufe ihrer Entwicklung lernen, soziale Regeln einzuhalten; moralisches Handeln ist nicht angeboren. Und sie müssen lernen, mit aggressiven Impulsen umzugehen und egoistische Wünschen angemessen durchzusetzen oder auf deren Befriedigung zu verzichten. Das Einhalten sozialer Regeln zu lernen setzt – so paradox es klingen mag - zugleich voraus, sie zu verletzen. Im wesentlichen lernen Kinder aus den Reaktionen der Umwelt und aus den Folgen ihres Handelns, es in Zukunft anders zu machen. Das heißt auch, dass nicht jedes Schlagen, Lügen oder Verweigern seine Ursache in einer Störung des Sozialverhaltens hat. Erst wenn die Auffälligkeiten deutlich stärker ausgeprägt sind als bei Gleichaltrigen und mindestens über sechs Monaten andauern, kann eine solche Störung vermutet werden. Studien, die die Häufigkeit dieser Problematik untersucht haben, kommen zu teilweise recht unterschiedlichen Ergebnissen. Orientierend kann davon ausgegangen werden, dass vier bis acht Prozent der Kinder – davon sind etwa ein Drittel Mädchen – unter einer Störung des Sozialverhaltens leiden. Der Anteil der betroffenen Kinder und Jugendlichen, die auch noch im Erwachsenenalter dissoziale Auffälligkeiten zeigen, ist relativ hoch; die in Studien erhobenen Werte schwanken zwischen 28 und 50 %. Die Ursachen, die zur Ausprägung der Störung führen, sind vielfältig. Biologische Faktoren scheinen nur insoweit indirekt eine Rolle zuspielen, als dass von klein auf sehr lebhafte Kinder – und hier wiederum vor allem Jungen – besonders betroffen sind. Wohl deshalb, weil diese Kinder besondere Herausforderungen an die Erziehung durch die Eltern oder die Lehrer stellen. Damit sind wir zugleich bei den weitere Verursachungsfaktoren: die individuelle Sozialisationsbedingungen scheinen eine wesentliche Rolle zu spielen. Von allgemeinen gesellschaftlichen Einflüssen wie sie etwa über Medien vermittelt werden bis zur Erziehung im Elternhaus, im Kindergarten oder in der Schule. Möglicherweise gibt es ungünstige Vorbilder, ist die Erziehung zu streng oder auch zu unklar, widersprüchlich, wenig strukturiert oder inkonsequent. Auch anhaltende Krisen im Elternhaus oder Belastungen in der Schule können – wenn dem Kind andere Bewältigungsfähigkeiten fehlen – zu einem gestörten Sozialverhalten führen. Diagnostik und Therapie: Auch bei der Diagnostik einer Störung des Sozialverhaltens wird im ersten Schritt über anamnestische Eltern-/ Kind-Befragung – im Gespräch und mit Einsatz spezieller Frage- und Beobachtungsbögen – erfasst, wie die allgemeine Situation des Kindes ist. Ggf. werden weitere Bezugspersonen wie ErzieherInnen oder LehrerInnen miteinbezogen und die schulische Belastungssituation unter Einbezug einer Leistungsdiagnostik berücksichtigt. Im weiteren Verlauf werden die Intensität und die Häufigkeit der spezifischen Symptome (Schlagen, Stehlen, Lügen etc.) systematisch erfasst. Schließlich wird auszuschließen sein, dass sich die Auffälligkeiten des Kindes aus anderen Gründen erklären (so mag sich z.B. eine Depression auch in aggressivem Verhalten zeigen). Kann die Diagnose bestätigt werden, so bieten sich für die Behandlung vor allem verhaltenstherapeutische Hilfen an. Oft müssen erst grundlegende soziale Fertigkeiten erworben werden. Die Kinder lernen unter anderem über Rollenspiele, prosoziales Verhalten zu zeigen. Mit kognitiven Verfahren können sie angeregt werden, die eigenen Beurteilungen sozialer Situationen zu überprüfen. Das ist deswegen wichtig, weil die betroffenen Kinder das Verhalten anderer oftmals falsch einschätzen – etwa das lediglich unbedachte, aber harmlose Schupsen durch einen Mitschüler als einen Angriff bewerten, gegen den sie sich glauben wehren zu müssen. In der Therapie ist es wichtig, die Eltern, den Kindergarten oder die Schule mit einzubeziehen. Zunächst müssen die Betroffenen von außen gesteuert werden, bevor es ihnen möglich ist, eine angemessene Eigensteuerung aufzubauen. Dazu wird erarbeitet, wie grenzüberschreitendem Verhalten erzieherisch begegnet werden kann. Bei älteren Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen helfen zudem „Ärger-Bewältigung-Trainings“, in deren Verlauf gelernt wird, mit dem eigenen Ärger umzugehen und aggressive Impulse zu kontrollieren. Handelt es sich um eine Hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens, so erfolgt in der Therapie eine Verzahnung mit den unter „ADS/ADHS“ genannten Verfahren, ggf. einschließlich einer medikamentösen Behandlung. Literatur (die Literatur zu diesem Thema ist sehr umfangreich; hier nur eine kleine Auswahl): Franz Petermann, Manfred Döpfner, Martin H. Schmidt. Ratgeber Aggressives Verhalten. Informationen für Betroffene, Eltern, Lehrer und Erzieher. Verlag Hogrefe Döpfner, M., Schürmann. S. & Lehmkuhl, G. (2000). Wackelpeter und Trotzkopf. Hilfen für Eltern bei hyperkinetischem und oppositionellem Verhalten. Weinheim: Psychologie Verlags Union. Beate Weymann-Reichardt: Kindern klare Grenzen setzen, Südwest- Verlag, München, April 2003 Katch, Jane: Peng! Du bist tot! Kinder und die Gewalt in den Medien, Beust Verlag, München 2002 Herbert, Martin: Die ewigen Streiterein, Trainings für Eltern, Kinder und Jugendliche, Bd.8, Verlag Hogrefe

Zwangserkrankungen

Der Beginn einer Zwangsstörung liegt in den meisten Fällen bei etwa 20 Jahren. Allerdings erkrankt rund ein Drittel der Betroffenen bereits vor dem 15. Lebensjahr. Insgesamt leiden ca. 2,5 Prozent der Bevölkerung unter Zwangshandlungen und/ oder Zwangsgedanken. Unter einer Zwangshandlung wird ein Verhalten verstanden, das immer wieder - in ritualisierter Form - wiederholt wird. Dabei kann es sich um die unterschiedlichsten Verhaltensweisen handeln, wie sehr häufiges Händewaschen, wiederholtes Kontrollieren oder auch geistige Handlungen, wie ritualisiertes Zählen. Bei Zwangsgedanken handelt es sich um Vorstellungen und Kognitionen, die wiederholt auftreten, meistens längere Zeit andauern und auch von den Betroffenen selbst als sinnlos erlebt werden. Inhaltlich handelt es sich gehäuft um aggressive, sexuelle oder religiöse Themen. Häufig leiden Zwangserkrankte unter einer Mischform, die sowohl Zwangshandlungen wie auch Zwangsgedanken umfasst. Die Übergänge zwischen normalen Alltagsritualen und einer Zwangsstörung sind zunächst fließend. Unser Alltagsleben besteht aus zahlreichen Gewohnheiten, die die Ausführung komplexer Abläufe erleichtern. Problematisch wird es erst dann, wenn ein Unterlassen dieses Verhaltens zu heftiger innerer Unruhe und Ängsten führt und die Ausübung der - diese Unruhe reduzierenden - Zwänge den Alltag massiv behindert. So ist den Betroffenen oft ein normaler Schulbesuch oder ein geregeltes Berufsleben nicht oder nur eingeschränkt möglich. Mitmenschliche Beziehungen sind sehr belastet, Partnerschaften zerbrechen überdurchschnittlich häufig. Von einer auf den ersten Blick ähnlichen Problematik sind Menschen betroffen, die unter einer zwanghaften Persönlichkeitsstörung leiden. Dabei wird deren Verhalten von Außenstehenden in der Regel als zwanghaft wahrgenommen. Wie Menschen mit anderen Formen von Persönlichkeitsstörungen auch, erleben die Betroffenen ihr eigenes Tun jedoch nicht als störend oder problematisch. So können sie z.B. von der Angemessenheit ihres eigenen Perfektionismus überzeugt sein; es wird als zu ihnen gehörig (ich-synton) wahrgenommen. Zwangserkrankte hingegen sind sich bewusst, dass ihr Verhalten und ihre Gedanken unpassend sind. Gerade dies verursacht zudem häufig sehr belastende Schuld- oder Schamgefühle. Die Ursachen für Zwangserkrankungen sind nach heutigem Wissensstand vielfältig. Einerseits weisen Familien- und Zwillingsstudien darauf hin, dass eine genetische Komponente eine Rolle spielt. Die Erkrankung tritt familiär gehäuft auf. Das heißt aber nicht, dass dann, wenn eine erbliche Vorbelastung besteht, die Störung auch tatsächlich ausbrechen muss. Weitere Faktoren wie emotionaler Stress - etwa heftige Krisen in der Lebensentwicklung oder auch Traumatisierungen - können auslösend wirken. Da Medikamente, die die Wiederaufnahme des Neurotransmitters Serotonin blockieren, die Zwangsstörung günstig beeinflussen, liegt die Vermutung nahe, dass auch neurophysiologische und biochemische Faktoren mitverursachend wirken. Diagnostik und Therapie: Wie schon bei den übrigen Störungsbildern beschrieben, so wird auch bei der Diagnostik der Zwangserkrankungen zunächst über eine anamnestische und explorative Befragung und den Einsatz orientierender Testverfahren und Fragebögen ein allgemeines Bild – sowie ggf. zusätzliche begleitende Störungen - ermittelt. In der sich anschließenden störungsspezifischen Diagnostik wird die Symptomatik und ihre Entstehungsgeschichte detailliert erfasst. Zudem ist eine medizinische Abklärung zum Ausschluss somatischer Ursachen notwendig. Die Behandlungsmöglichkeiten von Zwangsstörungen haben sich in den letzten Jahren deutlich verbessert. So wird heute im Gegensatz zu früheren Einschätzungen in den meisten Fällen eine relativ günstige Prognose angenommen; nur bei 10% der Erkrankungen muss ein chronischer Verlauf befürchtet werden. Neben der Möglichkeit der medikamentösen Behandlung – überwiegend mit Serotonin-Wiederaufnahmehemmern/ SSRI – bietet sich insbesondere die verhaltenstherapeutische Behandlung. Dabei besteht eine der zentralen Therapiemethoden darin, den Betroffenen mit auslösenden Reizen zu konfrontieren (sog. „in-vivo-„ bzw. „in-sensu-Exposition“) und ihn bei aufkommendem Unbehangen dabei zu unterstützen, die Ausführung der dieses Unbehagen neutralisierenden Zwangshandlungen zu unterlassen („Reaktionsverhinderung“). Nach einiger Zeit verlieren diese Reize an Bedeutung, es tritt eine Gewöhnung („Habituation“) ein. Diese sehr erfolgversprechende Behandlungsmethode setzt natürlich das Einverständnis des Patienten voraus. An dieser Stelle ergibt sich denn auch eine besondere Verantwortung des Therapeuten in der Behandlung von minderjährigen Patienten. Der Einbezug der nahen Angehörigen – etwa der Eltern – ist vielfach hilfreich, muss jedoch im Einzelfall entschieden werden. Kognitive Methoden dienen dazu, die Zwangsstörung stabilisierenden Gedankenmuster zu hinterfragen und zu verändern. Neben diesen symptomspezifischen Verfahren kommen je nach persönlicher Situation des Patienten alternative bzw. weitere Behandlungsmöglichkeiten in Betracht, etwa selbstwertstabilisierende kognitiv-verhaltenstherapeutische Verfahren oder Unterstützung zur Aktivierung von Freizeit- und Sozialverhalten. Bei schwierigen Verläufen kann auch eine vorübergehende stationäre Behandlung notwendig sein. Literatur (Auswahl): Wenn Zwänge das Leben einengen. Von Nicolas Hoffmann Pal (2000) - Mein Kind hat Tics und Zwänge. Erkennen, verstehen und helfen beim Tourette-Syndrom. Von Angela Scholz, Aribert Rothenberger Vandenhoeck & Ruprecht (Oktober 2000) - Zwänge bei Kindern und Jugendlichen. Von Christoph Wewetzer Hogrefe-Verlag (April 2004) - Zwänge. Hilfe für ein oft verheimlichtes Leiden. Von Burkhard Ciupka Walter (März 2001) - Zwänge überwinden. Ratgeber für Menschen mit Zwangsstörungen und deren Angehörige. Von Wilhelm P. Hornung, Ulrich Terbrack Urban & Fischer Bei Elsevier (Februar 2004) - Brainy, das Anti-Zwangs-Training. Ein computergestütztes Übungsprogramm zur Überwindung von Zwangshandlungen und Zwangsgedanken. Von Christoph Wölk, Andreas Seebeck Dustri.                 Zudem bietet die Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen Broschüren an (Postanschrift: Postfach 1545, 49005 Osnabrück).

 

Verhaltenstherapie, kognitive und imaginative Verfahren. Psychotherapie. Psychotraumatologie. Beratung. Fachsupervision.